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Es gab eine Zeit

Aktualisiert: 16. Sept. 2022



Es gab eine Zeit, die uns allen seltsam war,

erschreckend und ungestüm,

fordernd und unberechenbar,

in der wir alle auf Abstand gingen,

von Zahlen hörten, die höher stiegen.

Eine Zeit,

in der wir auf das verzichteten,

was wir so liebten

und Dinge taten, die uns störten,

für Dinge, die uns wertvoll waren.


Es gab eine Zeit,

in der wir rangen um Wege durch etwas Unbekanntes.

Eine Zeit, in der wir auf Wahrheit lauschten,

uns an Meinungen klammerten aus all den vielen Stimmen,

um gegen den Strom oder mit ihm zu schwimmen.


Eine Zeit,

in der wir um den Alltag rangen und balancierten,

für das, was uns wertvoll war Freiheit einbüßten

oder dafür demonstrierten.


Eine Zeit, in der wir ungesehenes Leid erlebten oder erahnten,

um Existenzen kämpften

und an manche Grenze kamen.


Es gab diese Zeit.

Und jetzt

sind wir mitten darin.

Ich zähl ihre Tage

und weiß nicht wohin, bis wann…


Doch bis dahin

will ich verstehen, was mir fehlt,

beschreiben, was zählt und was ich eigentlich so vermisse,

damit nur eins nicht passiert:

dass ich es wieder vergesse,

was so normal war,

was zählt,

was für mich Leben heißt

und was mir heute so fehlt.


Was mir fehlt:

In Gesichter zu schauen,

in diese unverwechselbaren Lebensspuren

in Lachfalten, Grübchen und Konturen.


Diesen einen Schritt auf dich zu zu gehen

und zu sehen,

wie sehr es doch einen Unterschied macht,

etwas von dir zu riechen,

dir eine Hand zu reichen,

eine Schulter zu leihen,

dir aus der Nähe zu begegnen,

dich mit Händen zu segnen.


Und mir einzugestehen,

wie wichtig es ist - selbst wenn es nur manchmal geschieht -

dass es doch möglich ist,

dich oder mich in den Arm zu nehmen.


Was mir fehlt:

Im Vorübergehen an hundert Fremden

ein Lächeln aufzufangen,

über Grenzen fahren,

in Ferne schweifen,

ein unbefangenes Stehen an Warteschlangen.


Was mir fehlt:

Das Sitzen an einem Tisch

in einem lieb gewonnenen Raum,

der mich in seine Bilder und Orte entführt,

mich mit Düften erfüllt

von Kaffeenoten und Köstlichkeiten

und umgibt mit fremden Menschen,

die mir nicht fremd erscheinen,

von lauten Stimmen, die Geschichten erzählen,

die Zeit genießen mit jemandem,

ohne die Stunden zu zählen.


Was ich nicht vergessen will:

dass Musik eine Kraft besitzt

und dass das gesungene Wort

so viel kraftvoller ist

als das gesprochene

und so viel kraftvoller

das gesungene Wort

an einem Ort

gemeinsam zu erheben.

Ich will nicht vergessen,

wie sehr ich es jetzt vermisse,

das wieder zu erleben.


Wie wertvoll, zu wissen:

wir sind ein Gesamt

und wenn wir auf Abstand gehen müssen,

dann werden wir uns vermissen.


Und wie wertvoll:

die Menschen,

die mir am nächsten stehen,

in den Arm zu nehmen,

noch enger zusammen zu rücken

und es zu wagen,

uns durch diese Zeiten zu tragen.


Was ich nicht vergessen will:

Wenn alles in Frage steht,

was geschieht, was kommt und was bleibt,

dann hab ich erlebt:

Du bleibst.

Da ist noch mehr als ein Klammern

an einem Leben im Zeitabschnitt “Erde”,

da ist mehr als ein Fürchten um das,

was ja doch irgendwann geht.

Da ist eine Hoffnung,

die lebt,

die einen Namen hat,

den Gott in eine Krippe legt

und damit zwischen Mensch und Gott

jede Distanz aufhebt.

Da ist ein Gott,

der mich trägt,

so real und so nah

und der niemals auf Abstand geht.


Es gab eine Zeit

und wir sind

mitten darin.

Eine Zeit wie keine andre:

die wir wohl erst im Rückblick erkennen,

erst übermorgen richtig benennen.


Gewiss aber eine Zeit,

in der wir wussten, was fehlt

und dem, was uns wirklich wertvoll ist,

auf die Spuren kamen.

Vielleicht eine Zeit, wie andre davor:

die so gingen, wie sie auch kamen.

Vielleicht auch eine, die Spuren hinterlässt,

nicht alles so lässt, wie es ist.


Es gab eine Zeit.

Lasst uns all das Wertvolle

erinnern, umarmen

um es dann

in neue Zeiten zu tragen.


Monika Lusky


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